Wir und die Fremden
Von Heribert Seifert
Das alte Kinderspiel "Ich sehe was, was du nicht siehst" ist eine lustvolle Einübung in genaues Hinsehen. Wer diesen Satz ruft, hat im gemeinsamen Wahrnehmungsraum aller Spieler ein Objekt fixiert, nennt aber nur ein nicht zu eindeutiges Merkmal und stiftet so die anderen dazu an, das Gemeinte zu identifizieren. Gelernt wird dabei, dass Wahrnehmen mit Unterscheiden zu tun hat und auch, wie vielfältig die perspektivisch gebrochene Ansicht der Wirklichkeit ist.
Außerhalb des Kinderzimmers ist dieses Spiel weniger lustig und wird auch mit anderer Absicht verfolgt. Oft steht nicht das Training perspektivischen Sehens im Vordergrund, sondern die Einübung des Tunnelblicks, in dem alle Katzen nur noch eine Farbe haben.
Moralischer Druck, fragwürdige Behauptung
Das "CIVIS-Medienforum", das die ARD und die "CIVIS-Medienstiftung für Integration und kulturelle Vielfalt in Europa" am 15. April im Sparkassenhaus mit Unterstützung wohlmeinender Förderer in Berlin organisierte, gehört zu solchen Versuchen, die Öffentlichkeit auf ein Wahrnehmungs- und Deutungsmuster der Wirklichkeit zu verpflichten. "Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist braun!" lautete die Botschaft der Veranstaltung zum Thema "Darstellung und Perspektiven der Einwanderungsgesellschaft in den Medien".
Nun ist das in Deutschland ein nicht ganz ungewöhnlicher Alarmschrei. Was ihm gerade jetzt, da über das Scheitern oder den Erfolg der multikulturellen Gesellschaft gestritten wird, einige Aufmerksamkeit verschaffen sollte, ist der Versuch einer halboffiziellen Koalition aus Politik, Wissenschaft und Medien, eben diesen öffentlichen Streit unter Berufung auf die gesellschaftliche Verantwortung der Medien erheblich einzuschränken. Die dabei erzeugte Mischung aus moralischem Druck, fragwürdigen Faktenbehauptungen und halsbrecherischen Interpretationen zielt auf Einschüchterung und hat, wie in Berlin zu spüren war, durchaus Wirkung.
Auf der Veranstaltung ging es um die Durchsetzung zweier düsterer Deutungen: Die erste gilt den Medien, die zweite der deutschen Gesellschaft als ganzer. Aus der Verknüpfung beider Thesen werden weitreichende Folgerungen für die journalistische Arbeit abgeleitet. Die kaum in Frage gestellte Grundannahme des Tages war: Die Medien berichten falsch, weil einseitig negativ über Migranten.
CIVIS-Geschäftsführer Michael Radix ("Negativität prägt das Programm") stimmte da mit WDR-Intendant Fritz Pleitgen ("Menschen ausländischer Herkunft erscheinen immer noch als Probleme") ebenso überein wie mit dem Medienwissenschaftler Georg Ruhrmann ("Minderheiten werden von den Medien diskriminiert, vor allem die Fremden").
Als wäre dies nicht schon schlimm genug, erklärte der Bielefelder Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer, ein wahrer Hansdampf in allen Gassen, in denen die Gesellschaft das Böse ausbrütet, dass diese schon negativ verzerrte Medienbotschaft nun auch noch auf Bürger treffe, die immer stärker von "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" zerfressen seien. Während die Medien ihre kritische Beobachtung viel zu sehr auf den verrückten rechtsextremistischen Rand der Gesellschaft ausrichteten, sei in Wirklichkeit die Mitte der Gesellschaft die Gefahr, wusste auch Beate Winkler, die Direktorin der "Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit" in Wien.
Der Redakteur als Erzieher und Vormund
Wenn beide Behauptungen zutreffen, ergibt sich für verantwortungsbewusste Journalisten eine reichlich unangenehme Lage: Kritische Berichte über unzivilisierte Verhältnisse im Migrantenmilieu, die schon lange als Förderung von Ausländerfeindschaft verdächtigt werden, müssten dann geradezu als Zündsätze mentaler Brandstiftung gelten. Wenn die "Mitte der Gesellschaft", auf die die wackren Fernsehredakteure und Zeitungsreporter bislang als Verbündete vertraut haben, in Wirklichkeit schon auf der Gegenseite steht, dann wird es um die "Aufklärer" in Deutschland ganz einsam.
"Ist das Fernsehen willens und in der Lage, gegen diese Mitte auszustrahlen?" fragte Heitmeyer denn auch konsequent und streng die Journalisten im Saal. "Wir senden doch dann gegen unsere Zuschauer!", sagte Petra Lidschreiber, Fernsehchefredakteurin des RBB, erschrocken. Wenn das Publikum böse ist, bleibt dem Redakteur nur noch, Erzieher und Vormund zu werden, der Negativberichte über Migranten sehr fein dosiert und vor allem das Positive herausstellt.
Georg Ruhrmann, der einen Lehrstuhl für "Grundlagen der medialen Kommunikation und der Medienwirkung" in Jena besetzt hält, hat gleich einen ganzen Katalog von zwölf "Empfehlungen" zusammengestellt, mit denen das Bild der Migration hübsch weich gezeichnet werden könnte. Viele dieser Empfehlungen legen schlicht nahe, eine "Positivberichterstattung" zu bevorzugen, damit nicht wieder passiere, was der Forscher 2003 in den Nachrichtensendungen von ARD, ZDF, RTL und Sat.1 gefunden hat. Unter den ermittelten 285 Meldungen über Migranten befassten sich ca. 35 Prozent mit Terrorismus. (Was an diesem Befund angesichts der Ereignisse des Jahres 2003 so anstößig oder erstaunlich war, sagte der Professor nicht.)
Ähnlich irritierend waren die Beispiele aus dem Wettbewerb um den einschlägigen CIVIS-Preis, die ja den erwünschten "guten" Journalismus in Praxis zeigen sollen: Was im "Himmelfilm - How were skies like when you were young", im "Monitor"-Beitrag "Absurder Kulturkrieg: Kopftuchstreit im Schwimmbecken" oder in den Filmen des WDR-Regionalprogramms zu sehen war, bot, rundheraus gesagt, eine gruselige Mischung aus emphatischem Eine-Welt-Kitsch, Agitprop und naivem, ganz und gar unkritischem Selbstdarstellungsjournalismus. Selbst ARD-Fernsehchefredakteur Hartmann von der Tann wurde das zu viel. Er erklärte mindestens zwei der Filmchen nicht für programmtauglich.
Moralischer Appell, angebliche Analyse
Wie sehr aber schon der Druck gewirkt hatte, der von der Mixtur aus moralischem Appell und angeblich wissenschaftlicher Gesellschaftsanalyse ausgeht, zeigte eine andere Äußerung des ARD-Chefredakteurs: Er wolle jetzt mal "etwas Provozierendes sagen", kündigte er an, als er auf dem Podium mit Kollegen über das Tagungsthema debattierte, und fuhr dann fort: "Selbstverständlich müssen wir auch über die Ehrenmorde an türkischen Frauen berichten." Sollen wir wirklich glauben, dass journalistisch Selbstverständliches im ARD-Nachrichtenprogramm schon "provozierenden" Mut braucht?
Spätestens hier wünschte man sich, das Kind aus Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern wäre anwesend gewesen und hätte die ideologisch aufgeladene Scharlatanerie der in Berlin versammelten "Medienkritiker" laut rufend enthüllt. Bereits die Tatsachenbehauptungen sind zum großen Teil fragwürdig. Das gilt erst recht für die Anlage und die Verfahrensweisen der "Studien", auf die man sich dort und anderswo beruft.
Dass die deutschen Medien überwiegend "negativ" über Migranten berichten, ist, so pauschal formuliert, eine offenbar nicht ausrottbare Wandersage, die selbst dann noch geglaubt wird, wenn sie in unmittelbarem Zusammenhang mit gegenteiligen Daten verbreitet wird. So berichtete Udo Michael Krüger auf dem "CIVIS-Medienforum" von einer Untersuchung der WDR-Programme im Jahr 2003 (ausführlich in Media-Perspektiven 3/05), die die CIVIS-Aktivisten doch hätte beruhigen können: Quantitativ kam nämlich dabei heraus, dass "der Zuschauer pro Tag rund zwanzig Beiträge findet, in denen er einer Person mit Migrationshintergrund begegnet. Moderatoren sind hierin nicht berücksichtigt."
Inhaltlich fanden die Autoren bei der Darstellung von Akteuren aus diesem Milieu "ein deutliches Übergewicht positiver Darstellungen. Über die Hälfte aller Akteursauftritte lässt sich im Grundtenor als positiv/sympathisch einstufen, mehr als ein Drittel als neutral, weniger als ein Zehntel als negativ/unsympathisch." Das kann aufmerksame Programmbeobachter kaum überraschen, hatte doch Volker Lilienthal schon 1998 an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass spätestens nach den ausländerfeindlichen Ausschreitungen die öffentlich-rechtlichen TV-Sender "zu ständigen Agenturen der Sympathiewerbung für Fremde geworden" seien (epd 26-27/98).
Die ganz spezielle Rücksichtnahme
Und wer heute halbwegs wach die TV-Programme verfolgt, findet auch im fiktionalen Angebot eine ganze Reihe von "Sympathieträgern mit Migrationshintergrund". Eine andere Form der besonderen "Rücksichtnahme" ist die häufige Praxis, über unerfreuliches Verhalten von Migranten möglichst nur in den Lokalteilen der Zeitung zu berichten und so das Entstehen überregionaler Aufmerksamkeit zu verhindern, selbst dann, wenn es um Fälle von schwerer, körperverletzender Gewalt geht.
Das geschieht just in diesen Tagen wieder: So wird über den äußerst brutalen und vollkommen unprovozierten Überfall sechs türkischer Jungmänner auf zwei Deutsche in Recklinghausen nur in den hinteren Seiten der Lokalblätter berichtet. Die Zeitungen hüteten sich dabei, das angesichts der Verletzungen der Opfer erstaunlich milde Urteil (je vier Wochen Arrest) kritisch zu kommentieren. Eine annähernd vergleichbare Aktion rechtsextremistischer Täter gegen Ausländer hätte mindestens einen publizistischen "Aufstand der Anständigen" zur Folge und Empörung über die Blindheit der Justiz.
Stimmen schon oft die Fakten nicht, auf die sich die Klage über Defizite der Berichterstattung über Migration gern beruft, so ist noch skandalöser das gesellschaftsanalytisch begründete Modell von Öffentlichkeit, das Heitmeyers Untersuchungen und der Arbeit der Wiener Beobachtungsstelle zu Grunde liegt und das Journalisten in ihrer Professionsrolle irritieren kann.
Mit seinem Konzept der "Kommunikationslatenz" hat Wilhelm Heitmeyer ein begriffliches Instrumentarium entwickelt, das "Vorurteilsrepression" durch die entschiedene Verteidigung von Berichterstattungstabus zur vornehmen Aufgabe der öffentlichen Meinungsbildung erklärt. Das Konzept geht davon aus, dass in der Bevölkerung antisemitische, rassistische und andere menschenfeindliche Einstellungen massenhaft verbreitet sind, "die in geeigneten privaten Kommunikationssituationen auch verbalisiert werden".
Die Ausweitung der Verdachtzone
Basis dieser Annahme sind kontinuierliche Umfragen, die "den ,klimatischen' Zustand der Gesellschaft" erkunden sollen und deren Ergebnisse auf halsbrecherische Weise interpretiert werden. Wer zum Beispiel die Aussage ablehnt, "die Muslime in Deutschland sollten das Recht haben, nach ihren eigenen Glaubensgesetzen zu leben" (was auch das Befolgen der Scharia einschließt), gibt sich als "islamophob" zu erkennen und weist damit bereits ein Merkmal "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" auf. (Der Politikwissenschaftler Klaus Schröder hat am 6. Februar in der FAZ-"Sonntagszeitung" den gemeingefährlichen Unfug der Heitmeyer-Umfragen detailliert kritisiert.)
Nicht die Identifikation und Ausgrenzung eindeutig extremistischer Auffassungen, die zu unzivilisiertem Verhalten führen, ist das Ziel von Heitmeyers Sozialforschung, sondern die Ausweitung der Verdachtzone auf immer mehr "Einstellungen" und "Mentalitäten", die mit Interpretationskunststücken politisch kriminalisiert werden.
Diese Umdeutung hat Folgen: Gesellschaftspolitisch können jetzt zum Beispiel die in manchen Ländern - darunter auch Deutschland - drastisch sinkenden Fallzahlen für rassistische Übergriffe, die die Wiener Beobachtungsstelle in einem aktuellen Bericht verbreitet, nicht mehr beruhigen, spiegeln sie doch in dieser Lesart nur die manifeste Oberfläche wider, während in Wirklichkeit das Gift im Denken und Fühlen der ganz normalen Bürger zirkuliert. "Die Zahlen täuschen", versicherte denn auch Beate Winkler in Berlin, weil sich in ihnen "der alltägliche Rassismus" nicht widerspiegele.
Die Theologie der politischen Korrektheit
Liebhaber älterer Formen der begründeten Argumentation macht das allerdings ein wenig ratlos: Dieser "alltägliche Rassismus" scheint ebenso wie Heitmeyers "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" ein sehr flüchtiger Geselle zu sein: Wo man belastbare Daten über ihn zu haben glaubt, da versichern gerade die Datensammler, dass man diesen Zahlen nicht trauen dürfe - jedenfalls dann nicht, wenn sie sinken. Andererseits sind sie davon überzeugt, dass es das Böse gibt und dass es unablässig wächst.
Offenbar muss man das vor allem glauben und dann die Fragen finden, die zu vorab gegebenen Antworten passen. Sozialforschung nähert sich hier einer Theologie der politischen Korrektheit, die Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nebst anderen Formen der "gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" zu einer Art Erbsünde erklärt, die Staat, Gesellschaft und Öffentlichkeit zu Dauerschuldnern macht.
So heißt es in der dritten Folge der von Heitmeyer herausgegebenen "Deutschen Zustände": "Auf der einen Seite werden politisch durchaus Anstrengungen etwa zur rechtlichen Gleichstellung bzw.
Anti-Diskriminierung unternommen. Auf der anderen Seite sind offenkundig deren Effekte für eine bedeutsame Veränderung von Einstellungen in der Bevölkerung und für das Zusammenleben von Gruppen nicht genug."
Die Kunstgriffe der Sozialforschung
So schafft sich diese Sozialforschung immer neue Aufgaben und kreiert ein Perpetuum Mobile: Der Alarmismus überzeugt staatliche und andere Geldgeber von der Notwendigkeit einschlägiger "Studien", die immer neue dramatische Ergebnisse, diesmal im gesellschaftlichen Untergrund und Unbewussten, offenbaren, was erneute, subtilere Untersuchungen erforderlich macht. Und so fort. Das Schlimmste, was dieser Forschung und den angeschlossenen operativen Agenturen geschehen könnte, ist das Verschwinden des untersuchten und bekämpften Phänomens.
Die Behauptung, "die Mitte" der Gesellschaft sei mittlerweile "menschenfeindlich" kontaminiert, ist allerdings der Kunstgriff, der diesen GAU bisher erfolgreich verhindert. Damit ist tendenziell jeder unter Verdacht gestellt. Christoph Butterwegge, der Kölner Sozialwissenschaftler, der einen Tag nach dem CIVIS-Ereignis, auf einem Seminar der katholischen Thomas-Morus-Akademie in Bensberg zum selben Thema eine rabiat vulgarisierte Variante der Heitmeyerschen Medien- und Gesellschaftskritik zum Besten gab, ist da konsequent: "In rassistische Diskurse sind wir alle verstrickt, natürlich auch ich."
Die Welt dieser "Diskurse" ist vollkommen erfahrungsdicht. Weder über den Zustand der Medien noch über den der Gesellschaft ist hier irgendetwas Verlässliches zu erfahren, weil beide nur als Projektionsflächen für vorab erworbene Gewissheiten dienen. Journalisten müssen sich klarmachen, wohin sie diese Gewissheiten führen:
Wer die Berichterstattung über die Realität der Einwanderungsgesellschaft zu einem vormundschafltich-erzieherischen Projekt von Medieneliten erklärt, definiert nicht nur sein Verhältnis zum Publikum auf eine Weise, die überwunden zu haben die europäische Aufklärung sich als historisches Verdienst anrechnet. Er gibt auch die Idee der freien Öffentlichkeit auf und unterwirft die journalistischen Professionsregeln den imperativen einer politisierten Moral.
Die unverstellte Medienöffentlichkeit
Dagegen hat Horst Pöttker in einem Beitrag in dem Sammelband "Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland" daran erinnert, dass Journalisten "anders als Pädagogen volles Vertrauen in die Mündigkeit des Publikums haben müssen, dem sie die ungeschminkte Wahrheit zumuten dürfen". Ein "Optimum an unbeschränkter gesellschaftlicher Kommunikation" gehöre zu den Funktionsbedingungen moderner Gesellschaften.
Auch unter dem Aspekt der Integrationsförderung durch Medien ist für Pöttker ein solches Optimum wünschbar. Denn "Missstände, die die Menschenwürde bedrohen, gedeihen am besten hinter der Mauer bewusster Geheimhaltung, aber auch hinter den Trennwänden gesellschaftlicher Parzellierung".
Das setzt voraus, dass bei der Erörterung des Integrationsbeitrags der Medien die Perspektive erweitert werden muss. Denn bisher wird das Thema nur sehr einseitig unter dem Aspekt diskutiert, wie Einwanderer in deutschen Medien dargestellt werden. In einem gut gemeinten Paternalismus erscheint dabei Integration vor allem als eine Fürsorgeleistung des Aufnahmelandes und seiner Medien.
Ausgeblendet bleiben dabei die mögliche Integrationsverweigerung durch Migranten und die Probleme im interethnischen Zusammenleben, die durch Informationen in den von Einwanderern genutzten muttersprachlichen Medien erzeugt werden. So stellte eine ältere Untersuchung fest, "dass die türkische Presse im Ausland vorwiegend uninteressiert ist an einer Anbahnung von kultureller Zusammenarbeit und Austausch", Zeugnisse eines aggressiven türkischen Nationalismus sind bekannt geworden, als deutsche Journalisten und Politiker ins Visier türkischer Zeitungen gerieten.
Daran scheint sich nicht viel geändert zu haben. So erzählte auf dem erwähnten Seminar der Thomas-Morus-Akademie eine türkischstämmige, in Deutschland arbeitende Journalistin, dass sie von der Redaktion eines türkischen Blatts aufgefordert worden sei, über die "lesbischen Vorlieben" einer Buchautorin zu schreiben, die in Deutschland über die Zwangsheiraten in Einwandererfamilien berichtet hatte.
Wenn Medien am Abbau der "Trennwände gesellschaftlicher Parzellierung" mitwirken wollen, dann sind solche publizistischen "Vergeltungsaktionen" ebenso unsinnig wie ein besorgter Kulturrelativismus, der das Einwanderermilieu vor "Verletzungen" durch wahrheitsgetreue Berichterstattung über Probleme schützen will. Gerade die unverstellte Medienöffentlichkeit kann eine Plattform bieten, auf der die Macht der bedingten Reflexe von Gruppenloyalität gebrochen wird. Zur Zeit scheint es, dass solche Reflexe eher im Migrantenmilieu dominieren.
Die Tabubrecherinnen Ates, Kelek, Cileli
So war es schon befremdlich, als in der Thomas-Morus-Akademie Canan Topcu, Redakteurin der "Frankfurter Rundschau", ebenso wie die freie Journalistin Rukiye Cankiran mit Wut und Empörung die Bücher türkischstämmiger Frauen über Ehrenmorde und Zwangsheiraten attackierten. Ihre Begründung: Zwar sei darin "nichts erfunden", seien "die Argumente sachlich richtig", aber man könne "damit nicht leben", weil darin ja nur die "Klischees" über Türken bestätigt würden.
Offenbar provoziert das öffentliche Aussprechen von skandalösen Tatsachen gruppenbezogene Abwehrreflexe. Plötzlich ist angeblich das Kollektiv "die Türken" bedroht und Frauen machen sich zu Anwälten patriarchalischer Gewaltverhältnisse. Da werden genau die ethnisch-kulturell begründeten "Trennwände" zwischen den verschiedenen Segmenten der Einwanderungsgesellschaft hochgezogen, an deren Abbau allen gelegen sein muss. Was mag die katholische Thomas-Morus-Akademie wohl geritten haben, solche Ressentiments auf einem "Forum für das gemeinsame interkulturelle Lernen von Schülern und Studierenden unterschiedlicher kultureller Herkunft" zu verbreiten?
Hoffnungsvoll stimmen in dieser eher tristen Szenerie nur der Mut und die Fähigkeit von Autorinnen wie Necla Kelek, Seyran Ates und Serap Cileli. Diese türkischstämmigen deutschen Publizistinnen haben Integration wieder zu einem politischen Thema gemacht und aus der kulturalistischen Sackgasse herausgeführt.
Ihr Kampf für den Schutz von Minderheiten folgt nicht den Leitplanken ethnischer Herkunft oder kultureller Zuordnung, sondern orientiert sich an den Menschen- und Grundrechten, die in diesem Lande für alle gelten. Kelek, Ates und Cileli kämpfen für eine Zukunft des Landes, in dem der "Verfassungspatriotismus" nicht nur die Mehrheitsgesellschaft verpflichtet, sondern auch die Immigranten. Sie tun das mit Härte in der sachlichen Berichterstattung, aber auch mit einem autobiografisch erworbenen Sinn für die Widersprüche, Widerstände und Wunden, die die Migration hinterlässt.
Sie lassen aber keinen Zweifel daran, dass sie jetzt hier angekommen sind und sich einmischen wollen. Journalisten, die über "Darstellung und Perspektiven der Einwanderungsgesellschaft in den Medien" nachdenken, können von ihnen lernen.
Rainer Geißler/Hörst Pöttker (Hg.), Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland. Bielefeld 2005. 542 Seiten.
Udo Michael Krüger/Erik Simon, Das Bild der Migranten im WDR Fernsehen. In: Media-Perspektiven 3/2005, S. 105-114.
Wilhelm Heitmeyer (Hg.), Deutsche Zustände, Folgen 1-3, Frankfurt 2002, 2004, 2005.
Necla Kelek, Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland. Köln 2005. 270 Seiten.
Wir entnehmen diesen Beitrag dem Internet-Angebot von „epd medien" (30.4.2005) des Evangelischen Pressedienstes.
